Für unsere Foto-Sammlung wurden uns auch viele Bilder von Alter gespendet: Angebote für Menschen mit Demenz, Angebote für Kinder und sehr viele Situationen, in denen unterschiedliche Generationen gemeinsam aktiv sind. Allerdings sahen wir kaum kulturelle Angebote, die von jungen Menschen selbst gestaltet werden, oder in denen sie Interessen nachgehen können, für die es noch keine Schablone gibt.
Nur ein Kulturakteur, den wir trafen, stellte dafür eine explizite Struktur bereit: Hier konnte ein „Jugendkomitee“ ein jährlich stattfindendes Camp mit künstlerischen Workshops selbst inhaltlich vorbereiten und mitgestalten.
Den Normalfall in unserer Sammlung bilden stattdessen Fotografien, die junge Menschen als „Nachwuchs“ darstellen. Viele Kulturangebote folgen weitgehend unhinterfragt Logiken von Erwachsenen. Diese konzipieren die Angebote, definieren, wie ein „guter“ Prozess ist und bewerten, was „gute“ Ergebnisse sind. Kinder sind Teilnehmende, Lernende, Publikum – selten Mitgestaltende.
Wir stellen das heraus, weil es in unserer Gesellschaft sowieso eine Machtungleichheit zwischen jungen Menschen und Erwachsenen gibt. In vielen Dingen dürfen Erwachsene für Kinder und Jugendliche entscheiden. Oft finden wir Erwachsenen das sinnvoll und kaum erwähnenswert. Doch Erwachsene sollten ihre Machtausübung selbstkritisch beobachten. Wo endet Unterstützung, wo beginnt Bevormundung?
„Mach dir bewusst, dass du erwachsen bist und auch so wirkst, denn diese Position verleiht dir Macht und Macht verlangt nach einem Bewusstsein für Verantwortlichkeit.“ (ManuEla Ritz: Adultismus und kritisches Erwachsensein, Unrast Verlag)
Zum Begriff „Adultismus“…
Adultismus ist eine Form der Diskriminierung, bei der Kinder und Jugendliche aufgrund ihres Alters benachteiligt, bevormundet oder weniger ernst genommen werden als Erwachsene. Er äußert sich darin, dass Erwachsene über die Köpfe von Kindern und Jugendlichen hinweg entscheiden, ihre Meinungen und Bedürfnisse ignorieren oder ihnen weniger Rechte, Respekt und Gestaltungsmacht zubilligen. Adultismus zeigt sich in Alltagssituationen (z. B. wenn Kinder nicht mitbestimmen dürfen), in Institutionen (z. B. Schulen, Familien) und in gesellschaftlichen Strukturen (z. B. Gesetze, die Jugendliche ausschließen). Kurz gesagt: Adultismus ist die Annahme, dass Erwachsene „besser wissen“, was gut für Kinder und Jugendliche ist – und dass diesen deshalb weniger Mitsprache zusteht.
Wenn wir auf unsere Fotosammlung schauen, sehen wir, dass Kulturangebote engagiert und voller guter Absichten sind, aber trotzdem adultistische Mechanismen wiederholen. Nicht die einzelnen Formate sind dabei das Problem, aber die Lücken in der Gesamtschau vielleicht schon, gerade im Hinblick auf die Zukunftsfragen für Kultur in ländlichen Räumen. Denn wenn Selbstorganisation und das Verfolgen eigener Ideen zu wenig Platz haben, sammelt diese Generation zu wenig Erfahrungen für später, wenn sie Verantwortung tragen sollen, und wird sich diese Erfahrungen woanders suchen.
Viele Kinder und Jugendliche erwarten aufgrund ihrer Lebenserfahrung, dass Erwachsene alle wichtigen Entscheidungen treffen. So kann es für Erwachsene scheinen, dass sie die ungleiche Verteilung unterstützen.
Dieser Teil des Kurses richtet sich vor allem an erwachsene Menschen.
Selbstbestimmung entdecken
Das folgende Bild ist uns aufgefallen, weil es die einzige Pausensituation in der Sammlung ist. Es wurde von einer erwachsenen Person aufgenommen. Das Bild steht für uns dafür, dass sich nicht immer leicht sagen lässt, wo der Einflussbereich von Erwachsenen beginnt.

Ein Schnappschuss während Theaterproben. Hexenhüte, Schwerter, Vogelmasken und Einhorn-Haarreif warten auf ihren Auftritt. Die Kinder sind in diesem Moment durch die Tätigkeit des Wartens miteinander verbunden. Sie sitzen kostümiert beieinander, halten Alltagsgegenstände (Brötchen, Rucksack) und/oder Requisiten. Das Warten wirkt trotz etwas Langeweile selbstverständlich, was darauf hindeutet, dass die Kinder die Situation bereitwillig mittragen. Langeweile erscheint auf dem Foto nicht als Störung, sondern als zulässige Seinsform, als Teil des Ganzen. Das Warten ist eine kollektiv getragene Praxis, die ohne sichtbare Kontrolle funktioniert. Dass die Darstellung keinen Auftritt zeigt, ist eine Ausnahme in unserer Sammlung. Meist werden uns erfolgreiche Performances präsentiert. In diesem Foto wird ein sozialer Prozess in den Mittelpunkt gestellt. Dabei scheint es nicht um Leistung zu gehen oder um das potenzielle Einnehmen von Erwachsenenrollen. Die Individualität der Kinder nimmt im Bild großen Raum ein. Das Setting hat jedoch auch etwas Behütendes, die Perspektive der Kamera blickt leicht von oben auf die Kinder hinunter. Kulturelle Bildung wird oft als Raum zur angeleiteten Entdeckung der Welt gedacht.
Auch dann ist die erwachsene Perspektive untrennbar mit der Situation verbunden, hat eine Idee davon, wie Kindheit sich entfalten sollte.
Reflexionsfragen an dich:
- Erinnere dich an Situationen, in denen du – bewusst oder unbewusst – Kindern oder Jugendlichen weniger zugetraut hast, sie nicht ernst genommen oder über ihren Kopf hinweg entschieden hast. Wieso hast du so gehandelt?
- Was sind für dich gute Gründe so zu handeln? Was sind schlechte?
- „Die alternde Gesellschaft ist weder kindergerecht noch ist sie gerecht zu Kindern.“ Dieses Statement stammt aus dem Buch „Kinder – Minderheit ohne Schutz“ von den Forschern Aladin El-Mafaalani, Sebastian Kurtenbach und Klaus Peter Strohmeier. Was denkst du dazu?

Vielleicht ist jetzt ein guter Moment für eine Pause? Folge deinem Impuls, wenn du möchtest, und komm zurück, wenn es für dich passt.
Vier Szenarien
Dieser Teil spielt Szenarien rund um das Jubiläum eines fiktiven Musikvereins durch. Der Verein feiert 60 Jahre Musik in seinem Dorf und ist besonders stolz auf seine erfolgreiche Nachwuchsarbeit. Doch wie die Kinder das Programm mitgestalten werden, ist eine komplizierte Frage. Denn auch Adultismus (= Machtungleichheit zwischen Kindern und Erwachsenen) spielt hier eine Rolle.
Du sollst hier immer wieder Entscheidungen treffen. Nicht jedes Szenario ist realistisch. Wir haben manches zugespitzt, um dich und dein Wertesystem etwas herauszufordern. Wir freuen uns, wenn du dich darauf einlässt und einfach mal ausprobierst.
Die Macht der Erwachsenen wird hier in vier Dimensionen sichtbar:
- Handlungs- und Gestaltungsmacht
- Definitionsmacht
- Verteilungsmacht
- Mobilisierungsmacht
Am Ende jedes Szenarios findest du eine Erklärung zu einer dieser Dimensionen.
Das Jubiläumsprogramm
Die große Debatte

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