Ein selbstbestimmtes Leben zu führen – diesen Wunsch teilen wir alle. Doch es gibt zahlreiche Schwierigkeiten, das in einer sozial ungleichen Gesellschaft für sich selbst alleine umzusetzen. Für Menschen mit Behinderung gibt es zahlreiche Barrieren (nicht nur bauliche), die sie von einer Teilhabe abhalten. Auch im Kulturbereich wird Inklusion oft nachrangig behandelt, gilt als aufwendig und teuer – dabei ist sie „ein Menschenrecht und Barrierefreiheit ist ein Qualitätsmerkmal für ein modernes und demokratisches Land“, wie der Bundesbehindertenbeauftragte Jürgen Dusel sagt.
Wir müssen unsere Gesellschaft „ent-hindern“. Mit diesem Slogan verbindet die Pädagogin Simone Danz einen Apell an Menschen ohne Behinderung, ihre Kraft für eine Gesellschaft einzusetzen, die sich um die Verletzlichkeit aller kümmert. Denn Behinderung betrifft uns alle persönlich, spätestens im Alter. Unser Körper verändert sich, kann krank werden oder einfach anders funktionieren als es das „Normal“ der Gesellschaft vorsieht. Schon allein deshalb ist es wichtig, dass wir ableistische Strukturen und Denkweisen erkennen und verändern.
Zum Begriff „Ableismus“…
„Ableismus ist das Fachwort für die ungerechtfertigte Ungleichbehandlung (‚Diskriminierung‘) wegen einer körperlichen oder psychischen Beeinträchtigung oder aufgrund von Lernschwierigkeiten. […] Das Wort setzt sich zusammen aus ‚to be able‘ (= dt. fähig sein) und der Endung –ism (= dt.: ismus). […] Die Endsilbe ‚-ismus‘ wird oft zur Bezeichnung von Glaubens- oder Gedankensystemen verwendet, also einer grundlegenden Haltung, einem Weltbild – Ableismus klingt also ganz bewusst so ähnlich wie ‚Rassismus‘ oder ‚Sexismus‘. […] Und so verweist ‚Fähigsein‚ auf biologische, körperliche oder geistige Normen, die in einer Gesellschaft als Maßstab oder Bewertungsmuster wirken: Tief verwurzelte Überzeugungen zum Ideal des Körpers und der Psyche, aber auch zu Gesundheit, Produktivität und Schönheit. Eine Diskriminierungspraxis sagt also immer mehr über eine Gesellschaft aus als über die Menschen, die sie diskriminiert.“ (aus dem Wörterbuch der Teilhabe)
In unserer Foto-Sammlung von Kulturveranstaltungen zeigen sich unterschiedliche Formen von sichtbaren Behinderungen:
- Eine Vernissage von Künstler*innen mit Behinderung, auf der eine inklusive Band spielt.
- Eine Führung durch eine Ausstellung, an der viele Menschen mit Rollatoren teilnehmen.
- Den Leiter einer Einrichtung, der eine Beinprothese nutzt.
- Ein Mensch im Rollstuhl, der in einem Orchester Tuba spielt.

Insgesamt jedoch sind nur auf 6% aller Fotos Menschen mit erkennbaren Beeinträchtigungen und Behinderungen abgebildet. Die meisten von ihnen nutzen Rollstühle oder altersbezogene Hilfsmittel wie Rollatoren. Klar: Eine große Zahl von Behinderungen ist nicht sichtbar. Trotzdem war für uns die geringe Präsenz überraschend.
In den folgenden Abschnitten wollen wir deinen Blick auf Behinderung schärfen und zeigen Möglichkeiten für unterstützendes Handeln auf. Dieser Teil des Kurses richtet sich vor allem an Menschen ohne Behinderung.
Ein Wimmelbild
Menschen mit Behinderung sind keine einheitliche Gruppe. Sie sind Männer, Frauen und ohne Gender, älter und jünger, mit und ohne Migrationsgeschichte usw.
Zum Begriff „Gender“…
Wir benutzen den Begriff Gender in Abgrenzung zu dem Begriff Geschlecht, um zu verdeutlichen, dass die Geschlechtszugehörigkeit eines Menschen durch Sozialisation beeinflusst wird und ein soziales Konstrukt darstellt.
Zum Begriff „Menschen mit Migrationsgeschichte“…
Menschen mit Migrationsgeschichte sind Personen, die selbst oder deren Eltern oder Großeltern aus einem anderen Land nach Deutschland (oder ein anderes Land) zugewandert sind. Dazu zählen auch Menschen, die in Deutschland geboren sind, aber deren Familie eine Zuwanderungsgeschichte hat. Der Begriff umfasst verschiedene Erfahrungen – von Flucht über Arbeitsmigration bis hin zu freiwilliger Zuwanderung. Er wird oft genutzt, um die Vielfalt von Lebensrealitäten sichtbar zu machen, die mit Migration verbunden sind. Denn die Personen, die mit diesem Begriff zusammengefasst werden, sind sehr unterschiedlich (z.B. Alter, Gender, Erwerbsstatus, Haushaltseinkommen, Bildungsabschluss etc.).
(Hinweis: Für eine Vollbildansicht klickst du auf die Vergrößerungspfeile unten rechts)

Vielleicht ist jetzt ein guter Moment für eine Pause? Folge deinem Impuls, wenn du möchtest, und komm zurück, wenn es für dich passt.
Perspektiven reflektieren
Das folgende Video will humorvoll für einen respektvollen Umgang zwischen Menschen mit und ohne Behinderung sensibilisieren. Es wurde vom Zeichner Ralph Ruthe für „Aktion Mensch“ entwickelt im Austausch mit Menschen mit Behinderung, u.a. #notjustdown – einer Initiative von Geschwistern, die zeigen wollen, „dass das Leben von und mit Menschen mit Down-Syndrom alles andere als down ist.“
Reflexionsfragen an dich:
- Erkennst du dich in der einen oder anderen Situation wieder?
- Wie kannst du Rücksicht nehmen, ohne zu bevormunden?
Das Video zeigt: Mit dem Wort Behinderung kann man beschreiben, dass Personen aufgrund von bestimmten Eigenschaften daran gehindert werden, am gesellschaftlichen Leben frei teilzunehmen – sie werden behindert. Dass ein Mensch blind oder Taub ist, nicht laufen kann oder eine Depression hat, fordert dazu auf, darüber nachzudenken, wieso das in unserer Gesellschaft noch ein Problem ist.
„Betrachten Sie Behinderung einfach als
Raúl Aguayo-Krauthausen (2023): „Wer Inklusion will, findet einen Weg.
eine Eigenschaft wie die Haarfarbe.“
Wer sie nicht will, findet Ausreden.“ Rowohlt Verlag.
Raúl Aguayo-Krauthausens Aufforderung kann man radikal finden, wenn man mit dem Gedanken aufgewachsen ist, dass Menschen mit Behinderung „anders“ sind. Doch seine selbstverständliche Haltung kann sich auf Statistik stützen:
Wir alle werden im Laufe unseres Lebens Formen von Behinderung selbst erleben. Deshalb ist es zentral, dass wir eine Gesellschaft gestalten, die sich nicht an einer fiktiven Norm orientiert, sondern für alle Menschen selbstverständliche Teilhabe anstrebt.
Die folgende Grafik zeigt schematisch unterschiedliche Arten zum Umgang mit Unterschiedlichkeit. Deutlich wird der Unterschied von Integration und Inklusion: Integration (Eingliedern) zielt auf einen gemeinsamen Raum, in dem Trennungen nicht aufgelöst sind. Inklusion (Einschließen) dagegen zielt als Utopie auf eine Veränderung der Strukturen.

Reflexionsfragen an dich:
- Denk an das Kulturleben deines Ortes, an unterschiedliche Vereine und Anlässe: Wie würdest du den Umgang mit Behinderungen dort beschreiben (Exklusion – Segregation – Integration – Inklusion)?
- Welche Situationen sind eindeutig und welche schwieriger zu beschreiben – warum?

Vielleicht ist jetzt ein guter Moment für eine Pause? Folge deinem Impuls, wenn du möchtest, und komm zurück, wenn es für dich passt.
Ressourcen bewusst machen
Du hast mehr Einfluss, als du vielleicht denkst! Schau dir an, welche dieser Ressourcen du hast – und mach dir bewusst, wie du sie nutzen kannst, um Veranstaltungen mit allen zu realisieren.
(Diese Fragen sind inspiriert von einem DIY-Workshop für diskriminierungsbewusstes Arbeiten in Kulturbetrieben, den ihr hier findet.)
Angehen
Weitergehen
Lasst euch prüfen!
Lade Menschen mit Behinderung ein, eure Räumlichkeiten oder Veranstaltungen zu besuchen und danach mit euch ins Gespräch zu kommen. Sind die Stühle für alle geeignet? Sind die Flyer verständlich? Warum steht am Eingang nicht „Eingang“? Das können solche Expert*innen des Alltags euch aufzeigen.
Findet Partnerschaften!
Wenn bislang kaum Menschen mit Behinderungen bei euch mitmachen, kann es auch daran liegen, dass es Barrieren gibt, die ihr nicht seht. Dann kann es helfen, sich bewusst in Partnerschaft zu begeben: Wo gibt es in Deiner Region Orte und Organisationen, wo Menschen mit Behinderung zusammenkommen oder Unterstützung finden?
Vielleicht könnt ihr gemeinsam etwas auf die Beine stellen, so wie das niedersächsische Museum im Kloster, das Künstler*innen der Heilpädagogischen Hilfe Bersenbrück einlud, zum Jubiläum der Gebietsreform eine Kunstausstellung zum Thema „Heimat“ zu gestalten. Im Prozess hat das Museum wichtige Erfahrungen für seine zukünftige Arbeit gesammelt.
Übt euch darin, barrierearm zu veranstalten!
Inklusion ist kein Projekt, das man abhaken kann. Es ist eine Haltung. Eure Veranstaltungen werden nicht über Nacht barrierefrei sein. Schon gar nicht für alle. Bei Veranstaltungen gibt es jede Menge zu bedenken. Die Aktion Mensch hat eine super Checkliste erstellt, mit der man einen guten Überblick über geeignete Maßnahmen bekommt.
Uns ist bewusst, dass manches zu viele Ressourcen benötigt, um es umsetzen zu können. Vor allem, wenn die Arbeit viel ehrenamtlich geleistet wird. Auch wir als Forschungsteam haben nicht die Mittel, unseren Reflexionskurs zu 100% barrierefrei zu gestalten. Wir haben versucht vieles umzusetzen. Zum Beispiel kann man die Schriftgröße verändern, den Kontrast vergrößern und sich viele Texte zusätzlich anhören. Alternative Bildbeschreibungen haben wir mit einem KI-Tool erstellt. Jedoch sind auch einige Empfehlungen, die eine barrierefreie Homepage erfüllen sollte, bei uns nicht gegeben. Zum Beispiel können wir keine Informationen in einer anderen Sprache – auch nicht Gebärden oder Leichte bzw. Einfache Sprache – zur Verfügung stellen. Wir haben uns zwar bemüht, viele Texte zusätzlich einzusprechen, aber das war leider nicht für alle Texte möglich. Auch kann man zwar auf der Homepage den Kontrast ändern, da wir aber für die kleinen interaktiven Aufgaben mit einer externen Anwendung gearbeitet haben, war das nicht für alle Elemente möglich. Unsere Videos haben wir zwar mithilfe von KI untertiteln lassen, jedoch sind dort ein paar Fehler enthalten. Wir hatten leider keine Zeit, die Untertitel selbst zu erstellen und haben lieber in Kauf genommen, unperfekte Untertitel zu haben, als gar keine Möglichkeit, den Text auch (vor-)lesen zu können.

Im Verlauf des Kurses haben wir dich zu Pausen eingeladen. Außerdem haben wir versucht, den Kurs so anzulegen, dass du ihn nicht in einem Stück absolvieren musst, und dir das heraussuchen konntest, wo du in diesem Moment gut einsteigen konntest.
Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen brauchen oft mehr Zeit – sei es für Alltagsdinge, Lernen, Arbeiten oder Teilhabe an Veranstaltungen.
- Manche Menschen haben Schmerzen, Müdigkeit oder andere körperliche/psychische Einschränkungen.
- Sie brauchen vielleicht Pausen, längere Vorbereitungszeiten oder einen anderen Rhythmus.
Statt sich an starre Zeitpläne oder „normale“ Geschwindigkeiten anzupassen, geht es darum, flexibler und inklusiver zu denken.
Für Kulturveranstaltungen kann das heißen:
- Alles ist so gestaltet, dass es kein Problem ist, wenn jemand später kommt oder zwischendurch geht.
- Es gibt klare Angebote für Pausen und gut gestaltete Rückzugsorte.
- Die Präsentation von Kunst passt sich ihrem Publikum an:
- Räume sind früh geöffnet für bessere Orientierung.
- „Ruhige Stunden“ in Ausstellungen vermeiden sensorische Überlastungen.
- Interaktive Theateraufführungen bieten vorab eine Führung über die Bühne an.
- Bei Lesungen kann man sich vorab mit den Inhalten vertraut machen.
- Livestreams oder Aufzeichnungen ermöglichen die Teilnahme von Zuhause.
- Der Veranstaltungsort wird auf der Website gut vorgestellt. So können sich alle darauf vorbereiten, was sie brauchen, um dort dabei zu sein.
- Deutlich gekennzeichnete Ansprechpersonen sind nur dafür da, auf Bedarfe der Anwesenden zu reagieren und sie zu unterstützen.
Letztlich profitieren nicht nur Menschen mit Behinderungen davon. Kulturveranstaltungen werden so für alle zugänglicher, z.B. für Eltern mit Kind, für Ältere, oder einfach alle, die mal einen „langsameren“ Tag haben. Es geht um Respekt vor unterschiedlichen Lebensrealitäten.
